Wir lieben Boykottstimmung.

[Anmerkung: Dieser Text erschien im Jahr 2016, als es Tengelmann noch gab. Grad noch. Aber das Milch- und Gut/Böse-Thema wird immer noch gerne verquickt, daher ist der Text auch immer noch aktuell. Finde ich.]

 

Wir haben ja mal wieder ein Aufregerthema. Oder hatten, weil zum Zeitpunkt dieser Zeilen ist der Sturm eigentlich schon wieder abgeebbt. Es ging und geht um die Milchbauern, die für ihr Produkt Stück für Stück unter das Existenzminimum gedrückt werden. Von wem? Ganz klar: von den Bösen. Und das sind in unserer Welt nicht mehr Adolf Hitler, Darth Vader oder Clarissa von Anstetten (Reihenfolge zufällig), sondern eine schwer definierbare, aber in diesem Fall gern gebrandmarkte kulinarterroristische Gruppierung namens „Die Discounter“.

Ausgelöst hatte die Kollektivwut auf die vermeintlichen Milchfaschisten einmal mehr die Fleisch und Hut gewordene Kabarettistenbeleidigung Harry G., der es sich wie so oft nicht verkneifen konnte, seinen Senf zu dem Thema auf Facebook in Form eines Videos mit herumfuchtelndem Finger und tanzender Augenbrauen herumzuschmieren. Der erklärte und aus seiner Sicht eindeutige Feind: „Da Aldi“. Und diesen Feind übernahmen anschließend seine Gefolgsleute (oder sagt man da eher Follower?) gerne und begannen, sich in den asozialen Medien umfangreich darüber auszulassen, dass man gefälligst nicht mehr zum Discounter bzw. konkret „zum Aldi“ rennen solle. Um die Milchbauern zu retten.

Was dabei nicht beantwortet wurde, waren zwei zentrale Fragen: die nach dem „Wirklich“ (Antwort: Nein, so einfach ist es leider nicht) sowie die nach dem „Sondern“. Aus gutem Grund: Denn die Antwort auf die zweite Frage würde die gesamte im schlichten Hirn des Herrn G. auf populistische Banalitäten reduzierte Hasstirade gegen „an Aldi“ ad absurdum führen, besieht man sich einmal die Alternativen.

Da wäre zum Beispiel REWE. Ein Konzern, der wie kein anderer die Gentrifizierung mit der Peitsche vorantreibt und deutsche Innenstädte mit singlefreundlichen Minisupermärkten (REWE City) und premiumschwangeren Feinkostregalen (REWE Feine Welt) zuscheißt, um gleichzeitig ein paar hundert Meter weiter den Pöbel mit Billigfutter (und -milch) abzufertigen: „Erstmal zu Penny“.

Eine Ausnahme in der Geschäftslandschaft? Nicht im Geringsten. Als nächstes gibt’s da ja EDEKA. „Wir lieben Lebensmittel“. Vor allem aber liebt man dort das Geld seiner Kunden; so sehr, dass man neben einer Supermarktkette mit 11.585 Filialen und 10.500.000 Quadratmetern Ladenfläche, eigenen Fleischwerken, Großbäckereien und sogar einem eigenen Verlag für das Kundenmagazin auch noch eine Bank gegründet hat: die EDEKABANK. Wir lieben Geld.

Dass man sich dabei als Tante-Emma-Laden inszeniert, funktioniert so gut, dass die Tatsache, dass EDEKA de facto mit großem Abstand Marktführer vor allen anderen Wettbewerbern ist, gerne übersehen wird. Die einzige Instanz, der die unkontrollierbare Marktmacht des Branchengoliaths aufzufallen scheint, ist das Bundeskartellamt, das den Konzern seit einiger Zeit sehr kritisch beobachtet. Wir lieben Monopolmacht. Klar, man könnte diese Macht natürlich auch nutzen, um dem Verfall des Milchpreises entgegenzuwirken, aber pst: Wir lieben ja auch Geld (siehe oben). Daher: Scheiß drauf! Und wenn jemand fragt: Bei uns gibt es ja auch Berchtesgadener Milch und die zahlen als Genossenschaft ja einen guten Preis an ihre Bauern. Man klopfe uns auf die Schultern. Dass EDEKA jedoch mit seiner Eigenmarke genau die Dumpingmilch auf den Markt wirft, die Milchbauern in Scharen in den Ruin treibt, muss ja nicht unbedingt erwähnt werden.

Dass es auch vonseiten EDEKAs eine Einkaufsvariante für den Pöbel namens NETTO gibt, fällt der breiten Masse übrigens ebenfalls nur selten auf – dass hier mehr Mitarbeiterunterdrückung, Lohndumping und unrechtmäßige Werkverträge an der Tagesordnung sind als irgendwo sonst noch weniger. Nein, solche Realitäten muss man ausblenden, um die Wahrheit zu erkennen: Wer zu EDEKA geht, hat ein reines Gewissen und tut Gutes für sich, seine Familie und den Rest der Welt. Wir lieben Selbstbetrug.

Und dann gibt es da noch meinen persönlichen Liebling. Den Underdog unter den Lebensmittelhändlern, den netten, kleinen Laden von nebenan, in dem man alternden Damen und halbstarken Kiffern in klassisch gestreiften Lebensmittelhändlerkitteln dabei zusehen kann, wie sie im Fünf-Minuten-Takt „Kasse 5 bitte Storno“ in die Sprechanlage nuscheln und in jeder freien Minute (und auch sonst) Gurken nach Länge sortieren und bei Colaflaschen darauf achten, dass jedes Etikett ordentlich nach vorn schaut: Tengelmann. Ja, der arme Tengelmann. Man muss eigentlich schon in der Vergangenheitsform von ihm sprechen: Mit traurigen Gesichtern gab die Tengelmann-Führung nämlich vor gut eineinhalb Jahren bekannt, dass man sich aus dem Geschäftszweig Supermärkte zurückziehe. Die fortschreitende „Aldisierung“ der Gesellschaft mache es unmöglich, konkurrenzfähig zu bleiben, hieß es damals. Also wolle man – tadaa – das Filialnetz an EDEKA verkaufen (übrigens einer der Gründe für die Beobachtung durch das Bundeskartellamt). Selbstverständlich wurde umgehend für alle Anleger die Information nachgeschoben, dass das Unternehmen wirtschaftlich stabil dastehe. Dank seiner zwei Hauptsäulen OBI und – jetzt kommt’s – KiK. Ja, richtig gelesen: KiK. Das Dumping hat Tengelmann nach eigener Aussage zerstört, aber Tengelmann hat ja Gott sei Dank noch den hochwertigen, nachhaltigen und ständig an der Wahrung der Menschenrechte orientierten Premiumhandel KiK in der Hinterhand.

„Kauf nicht bei Aldi“, durfte ich mir vor Kurzem auch in echt (ohne Facebook) von zwei Freundinnen anhören. Meine erste Assoziation waren braun gekleidete Männer mit Schildern in der Hand, auf denen „Kauft nicht bei Juden“ steht. Die Boykott-Kultur ist wieder hip und das liebste Spielfeld der Boykottjünger ist der Lebensmittelbereich. Denn hier findet sich aus Sicht vieler der Kern einer neuen alten Philosophie: Du bist, was du isst. Und je teurer und damit besser du isst und einkaufst, desto besser bist du. Logisch. Viele zahlen daher lieber so viel wie möglich für bestimmte Lebensmittel anstatt so viel, wie es eben wert ist. Beispielsweise könnte man nach Aussagen von Tierschützern die Lebensbedingungen eines konventionell aufgezogenen Schweins deutlich erhöhen, wenn man auf den Fleischverkaufspreis 40 Cent pro Kilo aufschlagen und diese direkt in die Tierhaltung investieren würde (übrigens ein Konzept, an dem zumindest in Ansätzen einige deutsche Supermarktketten derzeit arbeiten, unter anderem auch Aldi und Lidl, nicht aber EDEKA). Diese hypothetischen 40 Cent werden vom geneigten Endverbraucher jedoch nicht als Verbesserung wahrgenommen, weshalb der lieber 8 Euro mehr zahlt, um vermeintliche Bio-Qualität zu bekommen, von denen wiederum beim entsprechenden Bauer lediglich 1,50 Euro ankommen, um die Haltung seiner Tiere zu verbessern. Der Rest des Geldes landet beim Großhändler und der Marktkette – dafür hat man als Kunde am Ende ein reines Gewissen. Wir lieben Gewinnmargen.

Das hier soll kein Loblied auf Aldi oder einen anderen Discounter sein. Dass so einiges schiefläuft bei der massenhaften Produktion von Lebensmitteln ist sonnenklar und ein Wechsel in der globalen Strategie ist längst überfällig. Aber man ändert nichts, indem man die einen, bei denen der Stempel des Bösen besonders gut aussieht, boykottiert und damit die, deren verlogene Eigendarstellung besser funktioniert, damit stärkt (Wir lieben Brand Marketing). Jeder kann und soll dort einkaufen, wo er das möchte, doch solange es ein Supermarkt ist, sollte man sich nicht einbilden, dass man als Kunde des einen Ladens ein besserer Mensch ist als der Kunde des anderen.

Bei uns daheim schlagen wir der Debatte übrigens jetzt auf eine ganz andere Art ein Schnippchen: Für Milchvieh fehlt uns zwar der Platz, aber wir halten seit Kurzem Hühner, die mit viel Liebe aufgezogen werden und uns dafür ihre Eier in einer aus naturbelassenem Holz von uns selbst im Garten erbauten Hütte legen. Diese Eier lagern wir anschließend in gebrauchten Eierkartons.

Und zwar in Eierkartons vom Aldi.

 

[Dieser Text erschien im curt Magazin #84, 07/2016, damals erhältlich 

u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
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Anal total.

curtcover77_schoenescheisseEs gibt Sätze, die liest man nicht gern. Grundsätzlich schon mal nicht und vor allem überhaupt gar nicht, wenn sie von der eigenen Mutter kommen.

„Ich geb’s Dir anal“ ist ein solcher Satz.

Bevor jetzt aber Gerüchte aufkommen: Meine Mutter hatte nichts dergleichen vor. Sie handelte in bester Absicht und wollte mir lediglich ein Fläschchen Echinacin, das sie nicht verträgt, ich aber schon, überlassen. Und ebendieses Fläschchen wollte meine Mutter mir „bei Gelegenheit“ geben, oder wie wir in Bayern sagen: „Amoi“ oder eben „amal“. Dieser bayerische Ausdruck scheint jedoch den Damen und Herren bei Apple, die offenbar jede einzelne SMS lesen und nach ihrem Gutdünken modifizieren, weder geläufig noch für sie relevant zu sein – weshalb sie sich postwendend dem nächstmöglichen und aus ihrer Sicht offenbar weitaus naheliegenderen Begriff zuwendeten: Anal.

Nun ist anal zunächst einmal an und für sich kein schmutziges Wort. Zäpfchen werden anal angewandt, Fieberthermometer je nach Modell auch – aber die Tatsache, dass die Menschen, die mein Telefon und das meiner Mutter konstruiert haben, im Silicon (!) Valley residieren, zeigt meines Erachtens nach eindeutig, dass der Fokus in diesem Fall weniger auf Arztbesuchen denn auf Doktorspielen gelegen hat.

Der Name dieses kleinen Übeltäters, der aus meiner lieben Mama ein scheinbar inzestiöses Sexmonster macht, ist Autocorrect. Eine Funktion, die – wie so vieles – unser Leben einfacher machen soll, aber oftmals genau das Gegenteil erreicht.

Wobei ich mich eigentlich nicht beklagen sollte, denn die Amerikaner sind von den Unfällen des Autocorrect eindeutig schlimmer betroffen: Wer sich an einem Dock treffen will, trifft sich, wenn er nicht aufpasst, mir nichts, Dir nichts an einem Dick (für all die sprachlich Unversauten: Einer der zahllosen englischen Standardbegriffe für das männliche Geschlechtsteil). Der Ratschlag, sich bei einer Erkältung mit Wick (englisch: Vicks) einzuschmieren („rub vicks all over your chest“) wird schnell mal zu dem Tipp, es mit seinem Penis zu probieren („rub cock all over your chest“). Aus „Cigars“ wird „Viagra“, aus „Homie“ wird „Homoerotic“ und aus „Peanut Butter“ wird wie von Zauberhand „Penis Butter“ (mit ein klein wenig Phantasie kann man sich vorstellen, um was es sich bei diesem fiktiven Brotaufstrich handeln soll). Und auch aus der sowieso schon verzweifelten Äußerung eines Amerikaners, er sei so hungrig, dass er gleich in seinen Hund beißen würde („I’m so hungry I’d eat a dog right now“) wurde urbanen Legenden zufolge einst die Nachricht, er sei so geil, dass er einen Schwanz lutschen wolle („I’m so horny I’d eat a cock right now“). Dass das, was wir im Deutschen als „Blasen“ bezeichnen, im Englischen „Essen“ heißt, sollte im Übrigen jedem trinkfreudigen Münchner zusätzlich zu denken geben, wenn er das nächste Mal auf der Wiesn eine Amerikanerin aufreißt.

Allerdings muss ich zugeben: Mit ein wenig Erziehung wird das alles schnell besser. Nach ein paar von mir eigenständig durchgeführten Korrekturen der Autokorrekturen wird bei meinem Telefon aus „Zefix“ jetzt wieder „Zefix“ (vorher: „Zeugin“) und aus „Griasde“ ein „Griasde“ (vorher: „Grüße“ oder „Grieche“). Nur aus „Pfiati“ wird weiterhin „Privatisierung“. Aber das bekomme ich schon auch noch hin.

Im Gegensatz zu meiner Mutter. Vor kurzem wollte sie mir mitteilen, dass sie „bei Gelegenheit“ an einer „Promo“ teilnehmen wolle. An was sie dann allerdings laut ihres Telefons teilnehmen wollte, brauche ich hier wohl nicht zu schreiben. Möchte ich auch nicht. Könnte ich gar nicht: Ich hab jetzt noch Gänsehaut wia d’Sau.

[Dieser Text erschien im curt Magazin #77, 02/2014, damals erhältlich 

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Leck mich an den Hämorrhoiden.

leckomiocurt81Es gibt da diese recht bekannte Nummer von Gerhard Polt. Longline. Ein Tennisfan erzählt darin von einem Match seines Sohnes mit einem, wie Polt es liebevoll nennt, „Kindkollegen“. Dessen Mutter spornt diesen immer und immer wieder zu Leistungssteigerungen an, bis dem von Polt dargestellten Charakter irgendwann die Hutschnur platzt und er die gegnerische Mutter im Rahmen seiner bajuwarischen Möglichkeiten – und dieser Rahmen ist recht ausladend – beschimpft. Eine sehr heitere Episode fiktiver Satire. Fiktiv, möchte man meinen.

Weil jetzt kommt’s: Genau diese Mutter ist mir gestern Abend begegnet. Im Pullacher Schwimmbad. Während sich jeder andere Schwimmer im voll belegten Becken einen Weg zu bahnen versuchte, ohne die anderen Schwimmer unnötig zu belästigen, übte die Mutter in lauter und rücksichtsarmer Manier mit ihrem ungefähr 10-jährigen Sohn Lenny (bei Bedarf darf man sich ihre Namenswahl gerne auf der Zunge zergehen lassen) leistungsorientiertes Schwimmen, besser: Sie ließ ihn üben. Mit schriller Stimme und verkniffenem Watschngesicht versuchte sie, ihrem Sohn den Spaß an der Bewegung nachhaltig zu vermiesen und durch Leistungsorientierung zu ersetzen. Als der Bub altersgemäß eine kurze Drillpause (die Unmutter musste sich am Beckenrand mit einem isotonischen Getränk erfrischen) nutzte, um die letzten Scherben des zerbrochenen Badespaßes bei einem kurzen Tauchgang am Fliesenboden des Schwimmbeckens zu suchen, begrüßte ihn seine Erzeugerin beim Auftauchen mit den Worten „Hab ich nicht gerade gesagt, Du sollst unter Wasser ausatmen?“ sowie einem nachgeschobenen „Hab ich das nicht gerade gesagt, hä?“ und einem liebevollen „Luft holen über Wasser, ausatmen unter Wasser – und jetzt 50 Meter kraulen, ich will Leistung sehen!“.

Während ich noch am Überlegen war, ob ich nicht die Mutter im tiefen Bereich des Beckens ein wenig tauchen sollte (was allerdings den Piktogrammen in den Duschen zufolge verboten ist), geschah folgendes: Eine Mitschwimmerin bittet sie dezent, aufgrund des vollen Beckens doch nach Möglichkeit auf Flossen und andere Hilfsmittel zu verzichten (nebenbei bemerkt ebenso wie das Tauchen anderer Kinder im Schwimmbetrieb verboten) – woraufhin die Höllenmami diese mit einem verächtlichen Blick und der Aufforderung, „doch einfach still“ zu sein, sowie dem Zusatz „Preissnpritschn“ beehrt.

Und hier liegt der entscheidende Fehler: Denn im Poltschen Original ist sie es, der diese Bezeichnung zusteht, sogar in der Steigerung „Hämorrhoidenpritschn“ – einem bayerischen Schimpfwort, das einen Menschen mit einem schlecht gefederten und zugigen Automobil vergleicht, das einem eben diese unschönen, vergrößerten arteriovenösen Gefäßpolster verschafft, die ringförmig unter der Enddarmschleimhaut angelegt sind und im Normalbetrieb dem Feinverschluss des Afters dienen, bei einer Vergrößerung jedoch zu großen Schmerzen und unangenehmen Blutungen am Anus führen. Und als wäre das nicht genug, wird die Mutter in der Satire darüber hinaus noch als „bleeds Kracherl“, als „Matz, verreckte“, „Schoaßwiesn, mistige“, „Schoaßblodan“ sowie als „Brunzkachen, o’gsoachte“, die „mit der Scheißbiaschdn nausg’haut“ gehöre, bezeichnet. Titel, die zwar auch der realen Coverversion aus dem Schwimmbad zustünden, nicht jedoch deren Benutzung.

Lenny hatte sich währenddessen übrigens lautlos aus dem Staub gemacht, um im Außenbecken seinen Spaß nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Der Bademeister dagegen gab sich mittlerweile sichtlich Mühe, zwischen den beiden Damen zu vermitteln, die es jedoch vorzogen, im bereits vollkommen leeren Becken direkt nebeneinander zu schwimmen und sich mehrere Male beinahe berührten. Die Leistungsmami ermahnte er noch zwei Mal, die Mitschwimmerin nicht noch mal mit ihren Flossen zu provozieren, was sie jedoch nicht zu hören vorgab – woraufhin er ihr die Schwimmgeräte unter lautem Protest abnahm und ihr mitteilte, sie könne sie nach Badeschluss am Eingang abholen.

Und wie er dann so dastand, auf das von zwei Streithennen zerwühlte Wasser blickte und sich zur Stärkung einen Energieriegel reinpfiff, hörte man ihn murmeln. Nicht schimpfen, nur murmeln. Er blickte auf die Motzgöre im Wasser, schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck von seiner Cola und sagte leise, aber bestimmt: „Leckomio“. Dem Gerhard Polt hätte es gefallen.

[Dieser Text erschien im curt Magazin #82, 03/2015,  erhältlich
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Das Plural von Heimat ist Mensch.

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lasse ich in meiner Funktion als Redakteur des Münchner Magazins curt in jeder Ausgabe in meiner Kolumne „Waschdls Grantnockerl“ so richtig den Grantler raus und zeige auf, was schief läuft in der Landeshauptstadt. Dieses eine mal hatte ich mir die zahlreichen Dimensionen des Heimatbegriffs vorgenommen – und das für meine Verhältnisse ungewohnt ungrantig.

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Heimat ist was Schönes. Berge. Seen. Bier. Weiße Wolken vor blauem Himmel. Kühe auf der Weide, Schweine auf dem Teller. Pralle Wadeln und noch prallere Dekolletes. Bayern auf den Wiesen, Preißn an der Isar. Postkartenidylle. Unwirkliche Schönheit, die schon fast weh tut. Klischees, so breit, so krass, so schmalzig, das man kaum mehr atmen kann. Das ist Heimat. Oder?

In den letzten Jahren habe ich mit verschiedenen Menschen über das Thema Heimat gesprochen – und dabei die unterschiedlichsten Antworten erhalten: Für Sebastian Horn, Sänger der „Bananafishbones“, ist Heimat beispielsweise der Ort, an dem seine Familie, seine Freunde sind. Extremsportler und Musiker Matze Brustmann, Kopf der Münchner Band „Balloon Pilot“, dagegen verbindet Heimat stark mit der Natur um ihn herum. Der Schriftsteller Jan Weiler wiederum betrachtet Heimat als den Ort, an dem er seine Gefühle ausdrücken kann, ein Sprachraum, in dem man ihn versteht. Einer jedoch fiel unlängst ein wenig aus der Reihe: Der Drehbuchautor Peter Probst beantwortete die Frage nach seiner Vorstellung von Heimat so, dass Heimat für ihn dort sei, wo er sich aufregen könne. Wo ihn Dinge bewegen.

Heimat als Aufreger? Als Stressor, als Konfliktherd? Das widerspricht zuerst einmal so ziemlich allem, was das klischeehafte Bild einer Heimat, eines Zuhauses überhaupt erst ausmacht: Geborgenheit. Frieden. Ruhe. Eine Heimat, in der man Kraft aufwenden muss, um in ihr zu bestehen, wirkt dagegen wie ein lästiges Übel. Ungemütlich, unharmonisch, unschön – mit einem Wort: Unheimelig. Wenig erstrebenswert. Irgendwie „falsch“.

Stattdessen wenden wir Unmengen an Energie auf, um die Fassade eines Zuhauses und einer Heimat aufrecht zu erhalten, die in unseren Köpfen „richtig“ zu sein scheint. Wir räumen unsere Wohnung auf, wenn Besuch kommt, und erzeugen so die Illusion, bei uns wäre immer alles in Ordnung (oft gewürzt mit dem Satz „Bitte entschuldigt das Chaos“). Wir streiten nicht mit unserem Partner vor anderen und machen sie so glauben, wir lebten in nicht enden wollender Harmonie. Wir formen unsere Realität nach einem Bild, das eigentlich wiederum unsere Realität widerspiegeln sollte.

Wer jedoch einen Schritt zurück tritt und hinter diese Fassaden blickt, sieht, dass die eigene Wohnung nicht perfekt aufgeräumt sein muss, um ein perfektes Zuhause zu sein. Dass eine Beziehung, in der man streitet, daran nicht kaputt geht, sondern im Grunde genau dadurch am Leben bleibt, weil man sich austauscht, sich voreinander behauptet, sich immer wieder neu kennenlernt. Mit einer Heimat ist im Grunde ganz genauso: Sie wird erst zur Heimat, wenn man erkennt, an welchen Stellen noch gearbeitet werden muss. Wenn man lernt zu unterscheiden zwischen dem, was man akzeptieren muss (in Bayern beispielsweise die Stellung der CSU und die Sprache der Preißn) und dem, was man noch ändern kann (beispielsweise die Stellung der CSU und den verirrten Trachtenwahn der Preißn).

Es gibt so viele Heimaten (sofern das das korrekte Plural ist), wie es Menschen gibt. „Heimat“ ist vielleicht einer der intimsten Begriffe überhaupt, aufgeladen mit Hoffnungen, Ängsten, Wünschen, Sehnsüchten, Traditionen, Innovationen und einer Unmenge an Gefühlen. In ihr steckt alles, was jeden einzelnen von uns ausmacht.

Heimat gehört nicht der Politik, nicht der Werbung und nicht den Wiesnwirten. Heimat gehört uns, und niemand kann sie uns nehmen. Das sollten wir nie vergessen.

[Dieser Text erschien im curt Magazin #78, 02/2014, damals erhältlich
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Socialsportingwahn.

Weißwürschd, Lederhosen und das beruhigende Rauschen der Isar: München ist ein Traum von einer Stadt. Aber weil München nicht München wäre ohne eine ordentliche Portion Grant, lasse ich in meiner Funktion als Redakteur des Münchner Magazins curt in jeder Ausgabe in meiner Kolumne „Waschdls Grantnockerl“ so richtig den Grantler raus und zeige auf, was schief läuft in der Landeshauptstadt. Im Sommer 2013 im Visier: Das zwanghafte „Einchecken“ in Fitnessstudios. Warum ich ihn gerade jetzt hier veröffentliche: Weil ich mich derzeit viel zu wenig bewege.

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Ich war jetzt wieder beim Radeln. Das bedeutet, dass, wenn mich der Rappel packt und Bewegung unausweichlich ist, um meine psychische Grundzufriedenheit und damit auch das Seelenheil meines sozialen Umfeldes sicherzustellen, ich aufs Radl steige und losfahre. Ich tue das auch, weil ich bereits keuche, wenn ich zwei Flaschen Bier aus dem Keller hoch tragen soll. Weil die Körperfettwaage, die ich als Werbegeschenk für ein Stern-Abo bekommen habe (das nebenbei bemerkt sterbenslangweilig war), meinen Körperfettanteil als armseelig bezeichnet (zumindest steht „poor“ im Display). Und ich tue das, und das ist vielleicht der wichtigste Grund, weil es mir Spaß macht. Es gibt so viele Gründe, einfach auf sein Radl zu steigen und loszufahren. Einer jedoch ist mir vollkommen schleierhaft, obwohl er immer weiter verbreitet zu sein scheint: Sport treiben, um es anschließend über Facebook in die Welt hinauszukotzen.

Ehrlicherweise muss man hier zwei Typen unterscheiden: Die einen sind die, die Ihre sportliche Leistung deshalb bekanntgeben, weil sie sich dabei von einer App begleiten lassen, die aufgrund ihres technisch begrenzten sozialen Umfeldes ganz wild auf eine Social-Media-Anbindung ist. Ich benutze so was auch, und es ist nicht ganz einfach, einen Post á la „Ich bin gerade 2900 Kilometer in 8 Minuten gefahren und fühle mich großartig dabei“ zu vermeiden, eben weil die App einen förmlich dazu zwingen möchte und alles unternimmt, dass man diesen Schritt nicht überspringt. Möglich ist es dennoch.

Der andere Typus sind dagegen diejenigen, die in ihrem Fitnessstudio „einchecken“, also die ganze Welt daran teilhaben lassen, dass sie sich gerade „im Studio“ und damit in dem Irrglauben, sie würden jetzt Sport treiben, befinden. Ich war jetzt ein Jahr in einem solchen Laden angemeldet und muss sagen: Um Spaß geht es dort nicht. Ein Fitnessstudio ist in etwa so was wie ein Glockenbachcafé mit Schweissgeruch: Man achtet darauf, die richtigen Trainingsklamotten anzuziehen, ergötzt sich am Anblick hauteng bekleideter Schicksen, stemmt möglichst öffentlichkeitswirksam möglichst große Gewichte, im Idealfall nie, ohne den Blick von seinem Spiegelbild an der überdimensionalen Spiegelwand zu nehmen – und trinkt anschließend zu Wucherpreisen einen Premiumfruchtsaft oder alternativ ein künstliches Getränk, das „nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelt“ wurde. Darüber hinaus ist es in einem Fitnessstudio offenbar verpönt, sich zu sehr auf seine sportlichen Ambitionen zu konzentrieren, denn der Großteil der (in erster Linie) Männer verbringt den Großteil seiner Zeit nach vorne gelehnt mit dem Blick auf das i- oder sonstige Smartphone gerichtet – immerhin muss man ja wie gesagt über Foursquare, Twitter, Instagram, Facebook und am Besten noch über Xing mitteilen, wo man gerade ist. Also ich geh nicht mehr hin. Eingecheckt hab ich da eh nie.

Wobei ich auch ganz ehrlich sein will – meine Radlerlebnisse sind, wenn man sie mal von außen betrachtet, recht ähnlich: Am Ende lande ich am liebsten in einem Biergarten und trinke ein nach wissenschaftlichen Erkenntnissen von Mönchen entwickeltes Bier, das im Idealfall mit Kohlenhydraten und ascorbinsäurehaltigem Zitronenaroma zu einer Radlermaß veredelt wurde. Wenn sich eine Bedienung in ihrem im oberen Bereich hautengen Dirndl vornüberbeugt, schaue ich sicherlich nicht weg. Und dann hole ich, vom Sport geschwächt und vom Bier zum Müßiggang ermutigt, mein iPhone raus, um nachzusehen, wie ich am einfachsten mit der S-Bahn wieder nach Hause komme. Weil übertreiben möchte ich es ja auch nicht mit der Fitness.

 

[Dieser Text erschien im curt Magazin #73, 03/2012, damals erhältlich
u.a. im Münchner VolkstheaterBergwolfTrachtenvoglCity, Atelier, FeierwerkBackstageSüdstadt,
SubstanzValentin StüberlCafé KosmosCafé am Hochhaus, Deutsche POP Akademie, ZHSMuffathalle,
GesellschaftsraumCorleoneCafé JasminLoretta BarPonyhof Artclub etc.]

Die zweite Chance – ergriffen!

Woifrazhasn. Was bist Du mir schon auf den Keks gegangen. Dröge, träge, schlaff, uninspiriert und zumeist mit den vollkommen falschen Prioritäten gesegnet (ich erinnere mich an die Aussage des damaligen 2. Bürgermeisters, dass man, bevor man über ein Jugendzentrum spricht, erst einmal über das Parkhaus nachdenken sollte, das man bereits seit Jahren plane…). Zu klein, um anständige Cafés und Kneipen zu beherbergen und zugleich zu groß, um auf die wirklich furchtbaren Absteigen verzichten zu können. Wunderschön gelegen und doch beinahe hoffnungslos verbaut.

Balloon_Pilot_Wolfratshausen

Gestern aber, glaube ich, habe ich meinen Frieden mit Dir gemacht. Zumindest vorübergehend. Denn was mit dem Flussfestival am Loisachufer derzeit geschieht, begeistert mich: Ein gemütliches Ambiente, verbunden mit einem beinahe schockierend guten Programm. Freundliche Menschen. Ausverkaufte Abende. Pragmatische Lösungen („Das Wetter wird schlecht? Wir besorgen ein Dach für die Zuschauertribüne.“ – klar, dass der Regen dann ausbleibt, sobald das Dach steht). Morgen komm ich wieder. Sonntag vielleicht auch.

Donnerstag, 11. Juli 2013, 20.00 Uhr
Christian Springer: Fonsi – Jetzt reichts! …leider nicht für alle.

Freitag, 12. Juli 2013, 20.00 Uhr
Bananafishbones: Unplugged

Samstag, 13. Juli 2013, 20.00 Uhr
Ganes

Sonntag, 14. Juli 2013, 20.00 Uhr
Andreas Giebel: Das Rauschen in den Bäumen

Mittwoch, 17. Juli 2013, 20.00 Uhr
Piet Klocke: Leben – eine Zumutung, aber muss ja.

Freitag bis Sonntag, 19. bis 21. Juli 2013, 20.00 Uhr
Die Sendlinger Mordweihnacht

Pendlerrealität.

Wir sind umgezogen. Also nicht wir Privatmenschen, sondern wir Arbeitstiere. Also mein derzeitiges Hauptprojekt. Vom sagenhaft abgrundtief hässlichen Frankfurter Ring zur sagenhaft abgelegenen Heidemannstraße 170. Wo das ist? In Freimann, kurz vor der Allianz Arena und noch hinter dem Euroindustriepark, der für sich genommen schon unfassbar weit draußen ist. Oder ganz unverblümt: Am Arsch der Welt.

Nun begibt es sich, dass ich ja selbst ohne Fremdverschulden mein Leben an den Arsch der Welt verlegt habe. Um jedoch festzustellen: Arsch ist nicht gleich Arsch. Ich selbst wohne eher am Arsch von Charlize Theron, die Heidemannstraße dagegen eher am Arsch von Hermes Phettberg. Darüber können auch die Grünflächen rund um unser zweifelsohne schöne und geräumige Büro nicht wegtäuschen.

Die Misere beginnt bereits in der U-Bahn: Die U6 hat als Endhaltpunkt Garching-Hochbrück, Heimat eines Forschungsreaktors sowie unzähliger körperpflegeunwilliger Forscher und Forschungsstudenten, die die U-Bahn spätestens ab der Münchner Freiheit beherrschen und olfaktorisch bereichern. Doch damit nicht genug: Mit irrem Blick im Gesicht murmeln sie ohne Unterlass vor sich hin und kritzeln unverständliche Formeln vor sich hin. Mathematik KANN sexy sein, wie ich bereits vor Jahren durch die Bekanntschaft einer hübschen Mathematikerin erfuhr, aber die U6 ist zur Beweisführung dieser Behauptung ungefähr so geeignet wie das Nazidorf Jamel als Beweis für die multikulturelle Basis einer neuen BRD.

Und dann der Ausstieg. Man entsteigt der U-Bahn nahezu allein (alle anderen sind entweder schon draußen oder strahlen bereits dem Reaktor entgegen) und muss noch einige hundert Meter gehen. Ich gehe grundsätzlich gerne, spaziere durch Wälder, steige auf Berge und flaniere durch Städte. Die Heidemannstraße aber schreckt Fußgänger mit zeitweise sechs Spuren und damit verbunden bereits bei trockener Fahrbahn mit einer beängstigenden Lautstärke nachhaltig ab. Die Masse an Autos und das Fehlen von anderen Fußgängern machen jeden Meter zu einer regelrechten Qual. Nicht auszudenken, wie lange diese Meter bei Regen werden.

Aber: Was mich nicht umbringt, macht mich kränker. Von dem her sollte ich neben Antihistaminen, Kopfschmerztabletten und Iberogast künftig wohl auch ein paar Antidepressiva einpacken. Wenn es nach meinen Kollegen geht, eine Großpackung. Die kommen nämlich auch reichlich genervt an.

Wobei, so lange man das Bürogebäude nicht verlässt, ist eigentlich alles in Ordnung. Vielleicht sollten wir einfach nochmal umziehen. Also diesmal nicht wir Arbeitstiere, sondern wir Privatmenschen. Im ersten Stock hab ich noch zwei leere Büros gesehen. Da würde schon noch ein Bett reinpassen. Und die Antidepressiva, die lassen wir uns einfach liefern.

Pendlerpläne.

Ich bin ja grad am Umziehen. Besser: Am Rausziehen. Und damit meine ich keine fragwürdige Verhütungsmethode, sondern den Schritt vom urbanen zum ländlichen Leben. Klar ausgedrückt könnte man sagen: Wir ziehen auf’s Land. Nächste Woche.

Logische, langfristige Nebenwirkung: Ich werde hin und wieder pendeln müssen. Und da ich zum einen bisweilen ein Grüner bin, zum anderen ungern mit dem Auto in die Großstadt fahre, werde ich viel Zeit in S- und U-Bahnen verbringen. Schön, dass ich gerade heute eine wundervolle Beschäftigung während langer Fahrten gefunden habe: Die Begegnung mit Prominenten. Wie bitte, man kann doch nicht drauf bauen, einen zu treffen? Doch, und wie! Wie das geht, und was für unfassbare Geheimnisse dabei zum Teil zutage treten, kann man auf wundervolle Art und Weise hier sehen.

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(Bildnachweis: http://www.zeutch.com)

Danke an Chris Ehni für diesen wundervollen Link!

 

We don’t need no education. Zumindest nicht so penetrant.

Ich bin ein ziemlich bornierter Mensch. Nicht absolut betrachtet, aber verglichen mit dem Anspruch, den ich an mich habe, doch ziemlich. Im persönlichen Gespräch lasse ich mich durchaus gerne mal umstimmen, wenn ich in der Phase der Meinungsbildung bin, durchaus auch von Print- und Onlinemedien – aber wenn ich eine Meinung habe, perlen die Gegenargumente gerne mal von mir ab wie Regentropfen auf gewachsten Jacken.

Diesmal jedoch nicht. Als eigentlich überzeugter Vertreter der grünen Grundhaltung stehe ich hinter dieser Partei, auch wenn ich manche Überzeugungen nicht teilen möchte. Was mir jedoch seit einiger Zeit bitter aufstößt, ist die unsägliche Debatte über ein mögliches Verbot von Plastiktüten, die jetzt auch der Cicero-Autor Alexander Marguier zum Anlass nimmt, der Partei seine Stimme argumentativ zu entziehen. Haben wir wirklich keine größeren Probleme als Plastiktüten? Müssen wir diese wirklich „verbieten“? Ich bin selbst ein sparsamer Mensch und gehe zu 60% aus ökologischen und zu 40% aus wirtschaftlichen Gründen in der Regel mit einem Stoffbeutel zum Einkaufen, um meine Einkäufe zu verstauen. Jedes Mal eine Tüte zu kaufen, ist mir zu teuer, den Preis, der für Plastiktüten aufgerufen wird, finde ich aus ökologischen Gründen trotzdem viel zu niedrig. Dennoch würde ich mir mindestens einmal im Monat in den Arsch beißen, wenn ich bei einem Spontaneinkauf keinen Beutel dabei habe, aber irgendetwas benötige, um meine Einkäufe nach Hause zu transportieren – aber die Plastiktüte verboten ist. Sicher, es gäbe auch die Möglichkeit, Papiertüten oder Stoffbeutel zu kaufen, aber die sind (da schlägt nun wieder der Sparfuchs durch) einfach überteuert.

Warum wird statt einem ordentlichen Tempolimit so ein Thema angefasst? Weil es den Grünen die Möglichkeit gibt, direkt in das Alltagsleben der Bevölkerung einzugreifen. Mit kleiner Arbeit große Wirkung zu erzielen. Oder wie Alexander Marguier es bezeichnet: Uns zu erziehen.

Ich kann (s.o.) und möchte ihm nicht voll und ganz recht geben, vor allem auch, weil ich finde, dass eine Gesellschaft Regeln, Begrenzungen und Leitplanken benötigt. Das Rauchverbot, die Eindämmung von FCKW in den frühen 90ern, die Einführung von Umweltzonen in Großstädten – all das sind Maßnahmen, die uns lehren, wie wir unser Leben nachhaltiger gestalten können und müssen. Ohne Regeln leben wir maßlos, treten wie wild aufs Gas, werfen unseren Müll ungehemmt zusammen und qualmen uns reihenweise in die Paliativstationen – denn finanziell leisten können wir es uns ja leider.

Aber: All diese Regeln müssen sinnvoll und relevant sein. Sich auf lange Sicht auf Nischenprobleme einzuschießen, würde die Grünen auf Dauer zurückwerfen auf das Niveau einer Nischenpartei – und damit unser aller Zukunft sicherlich nicht besser machen.